Das Geheimnis des selbstorganisierten Lernens

Das Geheimnis des selbstorganisierten Lernens

Kennst du das auch? Dein Sprössling hat ein Gedächtnis wie ein Sieb. Mal vergisst er das Pausenbrot, dann wieder den Turnbeutel und immer wieder gerne auch die Hausaufgaben. Das sorgt für nervige Diskussionen. Du würdest deine Zeit mit deinem Kind viel lieber anders verbringen, ohne die ständigen Ermahnungen, Erinnerungen und Standpauken. Doch du fühlst dich verantwortlich, denn, wenn du deinen Nachwuchs nicht an alles erinnerst, funktioniert ja sowieso gar nichts mehr. Wäre es da nicht schön, wenn dein Kind das Lernen selbst in die Hand nehmen würde?

 

Das Lernen lernen

Selbstorganisiert, selbstreguliert oder selbstbestimmt lernen – das Kind hat viele Namen. Letztlich meint es immer dasselbe: Nämlich den Lernalltag eigenverantwortlich, selbstreflexiv und selbstgesteuert zu meistern. Dieses Lernen ist eine komplexe und facettenreiche Tätigkeit. Nach Weinert ist es eine Lernform, bei der der Handelnde entscheidet, ob, was, wann, wie und woraufhin er lernt.“[1]

Doch, was muss eigentlich alles geschehen, damit selbstgesteuert gelernt werden kann? Und, was ist selbstgesteuert beim selbstgesteuerten Lernen?

Allgemein meint der Begriff des selbstbestimmten Lernens, dass lernende Kinder oder Erwachsene über die Ziele und Inhalte, über die Formen und Wege, Ergebnisse und Zeiten sowie die Orte ihres Lernens komplett selbst entscheiden. Hier liegt auch der Unterschied zum selbstorganisierten Lernen. Hier werden Inhalte und Ziele zum Beispiel vom Lehrer vorgegeben. Der Lernende entscheidet jedoch darüber, wie er sein Lernen organisiert. Was will ich erreichen? Worauf arbeite ich hin? Was will ich lernen und wann, wo und wie lange? Der Lernende muss sich stetig selbst motivieren und die geeigneten Lernstrategien und Lerntaktiken auswählen können. Doch damit ist es noch nicht getan. Er muss während des Lernens Lernhindernisse und Schwierigkeiten überwinden und mit Ablenkungen umgehen können. Abschließend ist es erforderlich, dass er realistisch überprüft, ob er sein Ziel erreicht hat und aus seinem Lernen lernt, nämlich genau das, was er künftig besser machen kann.

 

Strategisch lernen oder für alles gibt es eine Strategie

Oft scheitern alle gut gemeinten Versuche gerade daran, dass der Lernende die falschen oder gar keine Strategien verwendet. Motivationale Strategien sind dabei ebenso entscheidend wie kognitive, metakognitive und selbstregulative Strategien. In einem Lerncoaching wird daher auch ganz gezielt auf ressourcenbezogene Strategien wie Zeitmanagement, Arbeitsplatzgestaltung, Prüfungsplanung usw. eingegangen

Bewusst eingesetzte Lernstrategien setzen ein Minimum an Metakognition voraus. Metakognition ist die Fähigkeit, über das eigene Denken zu reflektieren. Der Lernende beobachtet sich also selbst bei der Arbeit und versucht die daran beteiligten Lern- und Denkprozesse effektiv zu organisieren.[2]

Neben der richtigen Motivation geht es auch um das Durchhalten. Volitionale Strategien sind dafür verantwortlich, dass nicht mitten im Lernprozess aufgeben, sondern das Ziel bis zum Ende verfolgt wird. Es sind Strategien, die uns darin unterstützen, einmal gefasste Absichten und Lernziele beizubehalten und gegen Ablenkungen aller Art zu schützen.[3] Der Wille zu lernen ist dabei eng mit den Selbstwirksamkeitserwartungen und dem Selbstkonzept des Lernenden verknüpft. Glaubt er von Anfang an nicht daran, die Aufgabe meistern zu können, verliert er unterwegs schneller den Mut oder fängt gar nicht erst an.

 

So wird dein Kind zum Lernstrategen

Die eigenen Stärken sind oftmals ungenutzte Ressourcen, die uns das Lern-Leben so viel leichter machen könnten. Oft schauen Menschen auf das, was sie nicht haben und können und bemerken nicht das, was sie können, wissen und was sie sind. Die eigenen Stärken zu entdecken, Dinge, die leicht fallen, anzunehmen und für unseren Lernprozess gewinnbringend zu nutzen und effektiv einzusetzen sind ein großer Vorteil eines Lerncoachings. Es setzt immer bei den Stärken der Lernenden an, aktiviert Ressourcen und schafft so ganz neue Lern-Impulse.

 

Ziele sind wichtig, wichtiger als man denkt. Allerdings kommt es hier ganz entscheidend auf die Formulierung an. “Ich lerne gleich für die Prüfung!“ klingt wenig verlockend, mit wenig Aussicht auf Erfolg. Ein Ziel sollte, wie es so schön heißt, wohlgeformt sein und einige Kriterien erfüllen.  

Es sollte „smart“ sein. smart steht für sinnesspezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Zugegeben bei Hausaufgaben, Vokabeln lernen oder anderen leidigen Lernpflichten fällt eine smarte Zielformulierung vielleicht nicht ganz so leicht, aber hier darf dein Kind kreativ sein. Wie wäre es in diesem Zusammenhang mit einer kleinen Challenge: „Ich mache ganz entspannt meine Hausaufgaben. Ich beginne nach einer Pause um 16 Uhr und schaffe es in 30 Minuten, danach kann ich dann Fußball spielen.

Klingt doch gleich ganz anders! Außerdem wurde gleichzeitig ein Anreiz eingebaut. Und Bewegung vor, während und nach dem Lernen ist lernpsychologisch betrachtet sehr effektiv, dann Bewegung die Informationsaufnahme,- verarbeitung und speicherung unterstützt.

Abschließend gilt es dann die Zielformulierung zu überprüfen. Wurde in unserem Fall mehr oder weniger als 30 Minuten für die Hausaufgaben aufgewendet? Oder gab es eine Punktlandung? Dabei können Schüler viel über ihre Selbsteinschätzung lernen und wie sie ihr eigenes Lernen beurteilen. So mancher wird erstaunt sein, dass er viel schneller zum Ziel kam oder sich doch komplett überschätzt hat. Kein Problem, hier geht es nicht darum, Höchstleistungen zu erbringen oder immer richtig zu liegen. Vielmehr soll der Schüler lernen, sich selbst realistisch einzuschätzen. Sinnvoll ist es dabei, eine Art Lerntagebuch zu führen. Was hat gut geklappt und lief wie von selbst, wobei gab es Probleme und wo musste nachgearbeitet werden? Fehlen vielleicht nur die richtigen Lern-Techniken? Beispielsweise, wie man am Besten zusätzliche Lern-Informationen findet und verwertet, wie man zielgerichtet Vokabeln lernt oder sich Wissen einfach besser merken kann? Für all diese Fälle gibt es gezielte Lern- und Gedächtnisstrategien, die in einem Lerncoaching oder Lern-Workshop kinderleicht erlernt und dann selbst angewendet werden können. Und auch der stets vergessene Turnbeutel, das liegen gebliebene Pausenbrot oder die sträflich vernachlässigten Wiederholungsaufgaben, können dann  ad-acta gelegt werden.

 

Lernen können und wollen

Entscheidend neben allen Techniken und Strategien ist aber auch die innere Haltung. Der Lernende muss bereit sein, für sein Lernen selbst Verantwortung zu übernehmen. Wie soll das gehen, in der 1.Klasse, magst du  jetzt vielleicht erwidern. Bei jüngeren Schülern ist noch ein wenig mehr Unterstützung notwendig und wichtig, jedoch nur so wenig wie möglich und so viel wie nötig, denn früh übt sich, wer es können will, lerngerechte Gewohnheiten installieren will. Wer schon in der 1. Klasse gelernt hat, für seine Materialien, Hausaufgaben und Lernprozess selbst verantwortlich zu sein, sein Lernen selbst zu beobachten und stetig eigenverantwortlich zu verbessern, hat mit dem selbstgesteuerten Lernen später keine Probleme.

Also zusammengefasst: Willst du selbstorganisiert und selbstgesteuert lernen, überprüfe deine innere Haltung, setzte dir smarte Ziele, überprüfe sie am Ende und lerne daraus.

 

[1] Weinert, F.E.(1982): Selbstgesteuertes Lernen als Voraussetzung, Methode und Ziel des Unterrichts. In: Unterrichtswissenschaft, 10 (2), S.99-110

[2] Seel, N. M.(2003): Psychologie des Lernens. Lehrbuch für Pädagogen und Psychologen. München/ Basel: Ernst Reinhardt,  S.221

[3] Friedrich, H.F.(1999) S.7

 

Literaturangaben:

Artelt, C.(2000): Strategisches Lernen. In.: Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie Bd.18, Münster: Waxmann

Seel, N. M.(2003): Psychologie des Lernens. Lehrbuch für Pädagogen und Psychologen. München/ Basel: Ernst Reinhardt, 

Weinert, F.E.(1982): Selbstgesteuertes Lernen als Voraussetzung, Methode und Ziel des Unterrichts. In: Unterrichtswissenschaft, 10 

Friedrich, H. F.(1999): Selbstgesteuertes Lernen – sechs Fragen, sechs Antworten., Tübingen,